Bandscheibengeflüster
DER SCHRECK AM NACHMITTAG
Wann haben Sie Ihren nächsten Arzttermin?" Die Stimme der Röntgenärztin lässt nichts Gutes vermuten. "Warum, ist was?" Meine Mundhöhle wird trocken. Ihr Gesichtsausdruck macht mich nervös. Ich soll bald zu Dr. Stahlmann. Er wird mir alles erklären. Etwas zieht meinen Hals zusammen. Vorhin hatte ich einfach nur Rückenschmerzen. Darum die Computertomografie. Mein Arzt hatte es vorgeschlagen. Er ist Orthopäde. "Können Sie nicht vielleicht... ?" Ich fühle mich wie ein bittendes Kind. Sie bleibt neutral. "Nein, das ist nicht meine Aufgabe. Wir schicken die Auswertung an Ihren Arzt. Er kann vorher anrufen. Wie in Trance verlasse ich die Röntgenabteilung des kleinen Krankenhauses, steige in mein Auto, fahre los.
Oh Gott, wenn es Krebs ist! Vorhin sah die Stadt ganz anders aus. Irgendwer hupt neben mir, zeigt mir einen Vogel. Ich könnte heulen. Sofort zu Dr. Stahlmann! Hoffentlich hat er Sprechstunde. Er hat. Die sieben Etagen bis zur Praxis hoch empfinde ich länger als sonst. Der Fahrstuhl fährt im Schneckentempo. Endlich bin ich da. An einem der Empfangsschalter sitzt die Sprech- stundenhilfe, die ich als streng empfinde. Der andere Schalter ist leer. Ich versuche der jungen Frau mein Anliegen zu erklären. "Sie wollen einen Termin beim Doktor?!" Sie blickt auf das halbvolle Wartezimmer. "Und das jetzt?!" Schon wieder das Würgen im Hals. Ich erkläre noch mal und beginne zu stottern. Vor lauter Unsicherheit habe ich mich innerlich auf den Stand eines ängstlichen Kleinkindes gebracht. Am zweiten Schalter erscheint die freundliche Arzthelferin, Frau Hermann. Sie mischt sich in unseren Gesprächsversuch ein. Ich erzähle, was geschehen ist.
Sie versteht. Endlich darf ich mich setzen. Sie be-fragt den Computer, ruft die Röntgenabteilung des Krankenhauses an, fragt nach. Dabei lächelt sie freundlich und beruhigend zu mir herüber. Unendlich dankbar fühle ich mich langsam wieder erwachsener. Ich atme tief und gleichmäßig und kann gleich besser denken. Dann versuche ich mir klar zu machen, in welcher Situation ich mich befinde. Seit ungefähr drei Jahren habe ich ziehende Schmerzen im unteren Rücken. Mal mehr, mal weniger. Folgerichtig bin ich zum Orthopäden gegangen. Dr. Stahlmann gefiel mir. Er ist klassischer Schulmediziner, kann aber auch akupunktieren. Ich bin Kassenpatientin. Akupunktur ist keine Regelleistung, wird nur in bestimmten Fällen von der Krankenkasse bezahlt. Ärzte, die über die gängigen Methoden hinausschauen können, sind mir sympathisch. Anfangs checkte er mich mit seiner merkwürdigen Methode durch. Durch leichtes Kneifen, zum Beispiel an den Augenbrauen, erkannte er energetische Blockaden, die den Fluss meiner Körperenergie behinderten. Er renkte mit kurzen Bewegungen Gelenke und Wirbel ein, brachte Gestautes zum Fließen. Danach ging es mir lange richtig gut. Ich war begeistert. Nun sitze ich hier und mein früh erlerntes Misstrauen aktiviert sich. Gedanken schießen durch meinen Kopf. Wenn Dr. Stahlmann nun etwas verkehrt gemacht hat? Vielleicht haben doch die recht, die klassische Schulmedizin als das einzig wahre empfinden? Verdammt, ich hatte mir vorgenommen, sollte es einmal darauf ankommen, mich nicht ängstlich auf die "nur" Schulmedizin zu verlassen! Mein Name wird aufgerufen. Ich bin erstaunt, so schnell dranzukommen.
Im Ordinationszimmer geht Dr. Stahlmann mit verschränkten Armen auf und ab. Komisch, sonst ist immer eine Helferin dabei, gibt Befunde in den Computer ein. Kurzer Händedruck, er geht weiter auf und ab. "Tja, Sie haben tatsächlich einen Bandscheibenvorfall!" Mir fällt ein Stein vom Herzen. Ich bin froh, keinen Krebs oder Schlimmeres zu haben. "Stellen Sie sich doch mal auf die Zehenspitzen." Ich schlüpfe aus meinen Latschen, gehorche. "Das dürften Sie nicht schmerzfrei können!" Ich bin so begeistert von mir und meiner Merkwürdigkeit, dass ich strahle wie ein Honigkuchenpferd. Dr. Stahlmann ist sichtlich irritiert, rennt noch immer hin und her. "Legen Sie sich auf die Liege, aber vorsichtig!", setzt er hinzu. Er hebt ein Bein nach dem anderen, ist behutsam dabei. "Das hätte ich wirklich nicht gedacht, dass Sie einen Band-scheibenvorfall haben!" Vorausgegangen war ein kleiner Disput zwischen uns. Mir tat es im unteren Rücken mächtig weh. Er hatte mich erneut eingerenkt. Nur kurze Linderung, dann wieder Schmerz. Er gab mir Spritzen in die Region. Zur Entkrampfung. Es wurde nicht besser. Er meckerte freundlich, es habe aber besser zu werden. Ich meckerte zurück: "Ist aber nicht!". Darum die Computer-tomografie. "Operation muss nicht gleich sein", sagt er. "Operation?", frage ich erstaunt zurück. "Ich kann mich doch bewegen!" Er sieht mich mit Fragezeichen in den Augen an. Ich möchte jetzt ganz genau wissen, was ein Bandscheibenvorfall ist und wo er ist. Dr. Stahlmann wird richtig freundlich und holt eine Wirbelsäule aus Plastik aus dem Schrank. Über dem Steißbein zeigt er auf einen Wirbel. Meine Bandscheibe zwischen Steißbeinwirbel Nummer 1, genannt S1 und dem Ende der Lenden- wirbelsäule, Name L5, ist Richtung linke Seite rausgehüpft. Im Stillen nehme ich mir vor, sie wieder reinhüpfen zu lassen und bin ganz beruhigt. "Die krieg' ich schon wieder rein, Operation ist nicht!", teile ich meinem irritiert schauenden Arzt mit. "Geht nicht mehr", kommentiert er. "An einer OP kommen Sie nicht vorbei!" Mir wird wieder flau im Magen. Er erklärt mir, dass der Faserring, der die Bandscheibe umgibt, zerstört sei, und das repariere sich nicht von allein. Wenn die teilweise herausgerutschte Bandscheibe Berührung mit den zum Rücken hin liegenden Nerven bekommt, entstehen in logischer Folge diese irren Schmerzen. Die Bandscheibe hat Wurzel-berührung sagt man dazu. Weil ich ganz angespannt zugehört habe, tut mir die Region "Bandscheibenvorfall" richtig doll weh. Innere Anspannung lässt naturgemäß meine Muskeln nicht sehr elastisch sein. Also, wieder gut atmen und loslassen. Ich bin froh, schon vor Jahren meiner Neugierde gefolgt zu sein und jede Menge Kurse in Sachen gesund sein und bleiben gemacht zu haben. Dabei habe ich entdeckt, wie fein und differenziert meine kleinen bis großen Knochen, Muskeln und jede Faser in mir miteinander verwoben sind und wie ich sie durch gezielte Atmung beeinflussen kann. Wir können viel mehr tun, als naturwissenschaftlich orientierte Schulmedizin uns oft glauben machen will.
So atme ich also tief und hoffe auf schmerzlindernde Entspannung. Dr. Stahlmann hat mir inzwischen einen Stuhl hingeschoben und guckt mich sorgenvoll an. "Na, geht es wieder?" Ich bleibe lieber stehen und spüre in mich hinein. Das Atmen hat genutzt, meine Wirbelsäule wirft mir Kusshändchen zu. Ich lächle im Geiste zurück. Dr. Stahlmann schaut auf seine Uhr. Vermutlich freut er sich auf den nächsten ganz normalen Patienten. Er möchte mir eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausstellen. Ich sage, dass ich das gar nicht möchte. Mein Beruf macht mir Freude, und darum bin ich bei meiner Tätigkeit meistens gut entspannt. Etwas erstaunt stimmt er zu. Ich soll jedoch bei jeder Verschlimmerung sofort zu Hause bleiben, die Sache ausliegen. Rückenlage, die Beine im rechten Winkel hochlegen. Er möchte starke Schmerz-mittel aufschreiben. Für den Fall der Fälle nehme ich das gerne an. Wir verabschieden uns. Mein Orthopäde sagt sehr deutlich "bis bald!".
Ich fühle mich viel besser, bin froh, dass ich sofort in die Praxis gefahren bin und dass ich mich nicht habe abweisen lassen. Man muss für sich selbst kämpfen können, jeden Tag bringe ich das Menschen bei.
Ich bin Diakonin und unterrichte Religion. Nachdenklich steige ich in mein Auto, merke, dass ich das vorsichtiger tue. Die Diagnose "Bandscheibenvor-fall" beeinflusst mich nachhaltig. Auch zu Hause bewege ich mich schonender als früher. Was hat meine Band-scheibe veranlasst, ihren gemütlichen Stammplatz zu verlassen? Direkt über dem Kreuzbein, man sagt auch Sacrum, die heilige Mitte dazu, ist sie rausgehüpft. Ich stelle es mir bildlich vor.
Ein kleines, weiches Etwas hebt mit beiden Pfötchen vorsichtig die Wirbel hoch und lugt hinaus. Irgendwie rührt mich das. ES möchte Aufmerksamkeit von mir. Das kleine Etwas zieht alle Register, um nicht übersehen zu werden. Offensichtlich würde ich es sonst nicht bemerken. Es zwingt mich, meine Aufmerksamkeit auf meine Mitte zu richten. Das stimmt, wenn ich sehr wach für mich bin, für meine Gedanken und Gefühle, nehme ich automatisch die richtige Haltung ein, bei der nichts weh tut. In letzter Zeit habe ich mich wirklich sehr viel um andere und anderes gekümmert, habe mir wenig Zeit für mich selbst genommen.
Dabei rede ich jeden Tag mit meinen Schülern darüber, wie wichtig es ist, bei sich selbst zu sein, sich seiner selbst bewusst zu sein, gleich Selbstbewusstsein. Nur wer mit sich selbst verantwortlich und liebevoll umgehen kann, kann das auch mit andern. "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." So steht es seit Jahrhunderten in der Bibel geschrieben. Manchmal sage ich meinen Schülern, sie sollen das Leben als ein großes Abenteuer begreifen, das angemessen begangen werden will. Unser Körper könnte der Raumanzug für diesen Planeten sein, mit begrenzter Haltbarkeit. Also, pflegebedürftig. Wo gibt es die Pflegeanleitung? Religion als Führerschein für das Leben? Das war vielleicht mal so gedacht, gelingt aber nur manchmal. Das Schulfach Biologie?
Wieder einmal wird mir klar, wie wichtig das Erlernen einer angemessenen Umgangsform mit uns selbst ist. Und das möglichst schon in jungen Jahren. In meiner eigenen Schulzeit habe ich viel geträumt und mit Sicherheit viel zu lernen versäumt. Sowas muss man später schmerzlich nachholen! Ich verspreche meiner Bandscheibe, mir Mühe zu geben und stelle mir vor, dass sie ein wenig misstrauisch bleibt.