Wie gesund bin ich noch? Wie krank bin ich schon?
Mal ehrlich
Wissen wir nicht alle selber, was uns gut tut? Handeln wir nicht wider besseres Wissen, wenn wir das tun, was uns krank macht? Ich habe mich oft gefragt, ob wir Menschen trotz der vielen Arbeit, die wir uns aufhalsen, zuviel Langeweile haben und deshalb krank werden? Es kommt mir oft so vor, als probten wir ein Leben lang, bestimmte krankmachende Einflüsse innerlich abzulehnen, sie aber dann aus Gewohnheit doch zuzulassen. Da ist der erste Eindruck: das sollte man lassen. Aber da ist die andere Stimme der Gewohnheit: Ach, komm, mach es. Und danach geht es einem, wie schon so oft, hundsmiserabel. Die innere Stimme sagt: Na, bitte, hab ich´s nicht gleich gewusst? Die Stimme der Gewohnheit, auch Ego genannt, meint: „Ich konnte ja nicht anders“. Wenn man schon ganz verdorben von diesem Spielchen ist, kann man hinzufügen: „Ich konnte ja nicht anders, mein Mann ist schuld. Der will immer Wurst essen, da muss ich es ja auch tun“. Oder: „Des war scho immer so. Mei Oma hät´s ghät, mei Muoder hät´s ghät, jez hän i´s“, nämlich Rheuma, Diabetes, Arthrose, Krebs oder sonst eine vererbte Krankheit. Wir finden einen Schuldigen, warum dafür, dass es uns nicht gut geht. Ich rede von „wir“, weil ich keine Ausnahme bin. Ich war selber schon zweimal richtig schwer krank und kenne gelegentliche „Ausrutscher“ recht gut, wenn ich trotz des Wissens und der Erfahrung etwas esse oder tue oder zulasse, von dem ich genau die unerfreuliche Konsequenz kenne: Übelkeit, schlechtes Gefühl, miese Laune usw.
Das hat mich aber nicht pessimistisch gestimmt. Im Gegenteil. Ich liebe und wertschätze die Spezies Mensch. Ich finde es wunderbar, was wir Menschen erschaffen können und akzeptiere, dass jeder auch einen Teufel oder ein Monster in sich trägt, das mehr oder weniger erlöst ist. Es steht jedem frei zu entscheiden, in was man seine Energie eingibt, in die förderlichen oder in die zerstörerischen Kräfte.
Seit meiner Kindheit fasziniert mich menschliches Verhalten. Ich begann schon früh, unsere menschliche Natur zu beobachten und zu studieren. Das hat mich zu einem glücklichen und zufriedenen Menschen gemacht – ein überaus dornenreicher Weg, denn die Begegnung mit dem menschlichen Schatten war auch die Begegnung mit meinen eigenen Schattenanteilen. Aber es hat sich gelohnt und lohnt sich sicher immer noch.
Ein paar Dinge habe ich im Leben begriffen, die tief in mein Bewusstsein eindrangen und mich dazu bewogen, Heilkunde zu betreiben:
1. Heilung ist Wandlung zum Besseren
2. Heilung geschieht schneller, als krank zu werden
3. Gesundheit und Glücklichsein will jeden Tag aufs Neue erschaffen werden
4. Krankwerden ist der Wunsch, Grenzen zu überschreiten
5. Heilwerden verlangt Überwindungsenergie
Diese Erkenntnisse dienten der Aussöhnung mit dem Phänomen „Krankheit“ und den schlechten Gewohnheiten. Sie förderten meine Kreativität zutage, wie man aus der Krankheit ins Heilsein zurück findet. Ich traue vor allem chronisch kranken Menschen viel zu, weil es sich bei ihnen um starke Persönlichkeiten handelt. Kein Schwächlicher trägt die Last der Familie, opfert sich für Kinder, Partner, Eltern oder andere Menschen auf. Mag sein, das geschieht unterbewusst, aber es geschieht! Ich hege eine stille Bewunderung für diese Menschen, egal, in welchen Grad der chronischen Krankheit sie geraten sind, wie sie aussehen oder sich verhalten. Entscheidend ist, jetzt will jemand etwas ändern und vom Kranksein ins Heilwerden wechseln. Für diesen edlen Entschluss lasse ich mir viele Hilfen einfallen. So entstand dieses Buch. Ich freue mich mit dem Patienten, wenn es im Heilungsprozess voran geht und verstehe, dass er oder sie hin und wieder mal wissen möchte: Wie gesund bin ich schon? Wie krank bin ich noch? Meine Übungen sind sozusagen „mentale Wegzehrung“, vielleicht auch ein netter Zeitvertreib. Wie sagte mal ein Kinesiologe vor 50 Jahren:
Die Heilkunst ist die Kunst, den Patienten zu unterhalten, während er sich selbst heilt.
So ist es! Doch will auf unserer Seite, der der Behandler, das „Entertainment“ gelernt sein und ist auf der Seitens des Patienten ganz schön Arbeit angesagt. Ich bin sehr für Hausaufgaben, weil der Patient dann mit etwas anderem beschäftigt ist, als sein Krankheitsbewusstsein zu nähren, indem er nur an seine Krankheit denkt und nur über Laborwerte und klinische Befunde spricht. Ich sage es frei heraus: von den meisten „Selbsthilfegruppen“ halte ich nichts, weil in ihnen das Energiefeld der Krankheiten genährt wird. Man spricht über die Schwere der Krankheiten und übertrumpft sich gegenseitig mit dem, was man an Operationen und Medikamentennebenwirkungen ertragen hat. Da wird nicht gesungen und gelacht, Madame Heiterkeit ist nicht anwesend und bringt die kranke Masse in Bewegung. Nein, nur in den seltensten Fällen hilft dort jemand sich selbst und dem anderen, aus dem Leid herauszukommen. Selbstverständlich muss es einen Zeitraum geben, in dem Sie über Ihr Kranksein sprechen, sich beweinen und tief ins Leidenstal abtauchen dürfen. Bitteschön, dafür gibt es Therapeuten, die, wenn sie das Wesentliche der Heilkunst verinnerlicht haben, zuhören und mitfühlen. Aber dann heißt es nach vorne schauen, vorwärts gehen, denn vor Ihnen liegt die Lösung, die Los-Lösung vom Kranksein, was man Heilungsprozess nennt.
Der Kabarettist Dr. Eckart von Hirschhausen, ein Arzt, der „von der Klinik zur Komik“ wechselte, sagte einmal: „Sie fragen, wie man krank wird? Da müssen Sie nur genügend Untersuchungen durchführen lassen und Diagnosen sammeln. Nach jeder Untersuchung sind Sie ein bisschen kränker.“ Wir alle wissen, es ist nicht leicht, aus selbst erschaffenen Tretmühlen, alten Gewohnheiten, alten Denk- und Verhaltensmustern auszubrechen. Deshalb brauchen wir ein wenig „Unterhaltung“, so dass wir uns positiv verändern. Dazu dient dieses Buch, das, wie gesagt, aus der Praxis ganz von alleine entstand.
Wie denn? Chronisch Kranke bekommen zum Beispiel die Aufgabe, im Internet passend zu dem Organsystem, an dem sie erkrankt sind, einen Witz zu finden. Dann verordne ich Kabarett, Lustspiele, Operette, Komikerfilme usw., je nach Geschmack. Wenn man diese Gemütströster nicht „live“ im Theater aufsuchen kann, dann greife man zu CDs wie zum Beispiel die herrlichen Kabarettnummern vom besagten Komiker-Arzt Dr. Eckart von Hirschhausen.
Ferner habe ich über zehn Jahre lang Fragebögen an meine Patienten verteilt, damit sie sich selbst und ganz ehrlich bestimmte Dinge fragen. Die Fragen sind zusätzliche Hilfen im Heilungsprozess, um zu fühlen und zu erkennen, wo man steht. Wie gesund bin ich denn schon? Das messen wir nicht an vorgegebenen Maßstäben, auch nicht an Laborwerten, denn die folgen Ihrem Bewusstsein. Noch mal zum Mitdenken:
Was Sie schwarz auf weiß beispielsweise in Ihrem Blutbild als Zahlenwerte lesen, ist die Folge Ihres Denkens, Fühlens und Handelns. Sie können soviel Aminosäuren, Vitamine und, Mineralien in sich rein schütten, wie Sie wollen, Sie können streng vegan leben und 5x am Tag eine Stunde im siebenfachen Lotussitz meditieren, Sie können sich bis auf die Knochen runter fasten und nur noch von Prana leben – Sie werden Ihre Krankheit nicht los, Sie bleiben nicht gesund, wenn Sie Humor, Freude, Dankbarkeit nicht täglich üben und Ja zu Ihrem Leben sagen. Wenn Sie sich nicht mit freundlichen, humorvollen Menschen umgeben, um sich im besten Sinne anstecken zu lassen, ist Heilung nicht möglich. Heilung ist Veränderung im Denken, Fühlen und Handeln. Das ist ganz einfach, aber nicht leicht.
In meiner Praxis sind hauptsächlich chronisch Kranke. Ihr Heilungsprozess braucht eine Weile. Damit der nicht zur Langeweile degeneriert, schaue ich auf die Potenziale und verordne entsprechend „kreative und humorvolle Krücken“. Eine dieser „Krücken“ ist dieses Buch, das, wie gesagt, aus den vielen Fragebögen, von alleine entstanden ist.
Noch etwas zum zweiten Teil: „… wie krank bin ich noch? Er könnte missverstanden werden. Etwas gestelzt ausgedrückt besagt er: Inwiefern bin ich noch nicht in meiner Ordnung? Woran kranke ich immer noch im Sinne von Festhalten an alten Gewohnheiten und Glaubenssätzen? Wo halte ich mir auch ein Hintertürchen offen? Krankheit kann ja zur Eigenfunktion eines Menschen werden: ein bisschen krank sein und ich bekomme alle Zuwendung und Aufmerksamkeit. Ich komme aus der anonymen Masse Mensch und plötzlich bin ich ein wichtiger Fall. Der Professor persönlich hat mich operiert, ich bin eingeladen worden zu einem Experiment in der Krebsbehandlung usw. Meine Krankheitsdiagnose ist zu einem dicken Ordner angeschwollen. Es hat mir zwar keiner wirklich helfen können, aber es sieht doch bedeutsam aus, was man alles so rausgefunden hat. Ja, das ist menschlich und verständlich. Den Patienten teile ich deshalb mit:
Sie dürfen weiterhin im Mittelpunkt stehen, Aufmerksamkeit und Mitgefühl erhalten, aber nicht mehr um den Preis Ihrer schweren Krankheit.
Wie krank bin ich (immer) noch? Halte ich immer noch an dem Glauben fest, Homöopathie wirke nicht, weil nichts drin ist? Meine ich immer noch, die Zukunft der Heilkunst liegt in noch mehr Impfungen und Apparaten? Lehne ich immer noch die Arbeit des Anderen ab, weil ich sie nicht verstehe? Jetzt sind wir bei uns Therapeuten angekommen. In der Medizin, in der Heilkunst allgemein gibt es noch viel Krankes zu überwinden. Deshalb ist das Buch für jeden geeignet, mal zu überprüfen, wie gesund sein Menschen-
verstand schon ist und wie krank sein Verhalten noch ist.
Ich appelliere an den Spieltrieb und das Lustempfinden in uns Menschen, indem man ganz für sich alleine – nur so ist man ehrlich – den Test von Zeit zu Zeit durchführt: Wie gesund bin ich denn schon? Das ist die Frage, nachdem man schon einen Heilungsprozess begonnen hat. Wie krank bin ich noch? Hinter dieser Frage steht die Erkenntnis, dass noch etwas fehlt zum heil und ganz werden.
Die Fragen sind kein Intelligenztest, sie dienen auch nicht dazu, den schiefen Turm von Pisa gerade zu rücken, sie sind aus dem Leben gegriffen.